Auf Das Elfte Gebot

Heute morgen wurde ich von einem Lied emotional tief berührt. Das passiert an sich schon öfter mal, aber es is schon recht seltsam, wenn der Interpret von besagtem Stück eigentlich eine Mittelalter-Party-Metal-Band mit dem Namen Feuerschwanz ist.




Normalerweise halte ich mich davon fern, Lieder und deren Texte zu analysieren oder zu interpretieren. Doch die Themen, die Feuerschwanz mit ihrem Titel "Das Elfte Gebot" behandeln, sind welche, mit denen ich persönlich immer wieder zu tun habe - sowas wie Spiritualität, Religion, Lebensphilosophie oder Lebensziele. Deshalb möchte ich heute mal darüber schreiben, wie ich diesen Song so erlebe.

Erste Strophe

Die letzte Schlacht ist geschlagen
Bleigrauer Dunst zieht über ödes Land
Schon liegst du da auf einer Barre
Neben dir grinst der Sensenmann
Er spricht zu dir, fragt nach der Wahrheit
Wie's dir so geht und ob du glücklich bist

Die in den ersten Zeilen beschriebene Szene sollte für jeden nichts neues sein: Der Kampf des Lebens wurde beendet und nun kommt Gevatter Tod, um den Kämpfer mitzunehmen. Das Bild des Lebens als einziger Kampf ist ein gutes Setup für das, was folgt.
Denn anstatt den sterbenden sofort mitzunehmen, interessiert den Tod etwas ganz anderes, nämlich die Frage, ob sich das ganze Kämpfen überhaupt gelohnt hat. Für mich schwingen dabei noch weitere Fragen mit. Fragen wie, welchen Idealen laufe ich hinterher, welche familiären, sozialen oder religiösen Dogmen folge ich aus falschem Pflichtgefühl oder Gewohnheit, wovor hab ich Angst. Was will ich überhaupt vom Leben?

Refrain

Denn das Elfte Gebot gebietet zu leben
Als wartet morgen der Tod, morgen schon der Tod
Ja so steht's im Elften Gebot

Der Refrain bildet die zentrale Botschaft, die sich auch in Teilen durch das gleichnamige Album zieht. Das christliche Bild eines 11 Gebotes gab es an vielerlei Stellen schon des öfteren. Hier wird es als Aufruf verwendet, bei all dem Kämpfen das eigentliche Leben auch nicht zu vergessen.
Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit Freunden, wo ich mich öffentlich dazu bekannt habe, dass ich "keine Ahnung hab' wie man sich entspannt". Das heißt bei mir ist das kämpfen schon so weit ausgeprägt, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich damit aufhören kann. Deshalb trifft mich diese Botschaft ganz besonders.

Zweite Strophe

Der Gebote zehn, in Stein geschrieben
Der Gevatter spricht sein Strafgericht
Gott ist tot, nur ich bin geblieben
Und mein Gebot das Elfte ist

Hier ist interessant, dass der Tod als Sprecher die bekannten 10 Gebote nicht außer Kraft setzen will. Gekoppelt mit dem Refrain wird trotzdem hier das Urteil gefällt, dass man, bei all den wichtigen Regeln und dem Arbeiten, viel zu oft vergisst, pausen zu machen und sich zu amüsieren.
Durch meine religiöse Erziehung haben Aussagen, wie "Gott ist tot" immer für saures aufstoßen gesorgt. Ich wette, dass es, vor allem brei christlichen Lesern, ähnliche Reaktionen auslöst. "Gott" würde ich hier als Begriff verstehen, der für feste Strukturen, Autorität, Dogmen und vielleicht auch ein wenig für die Zwänge steht, in denen wir meinen gefangen zu sein. Nach der Aufgabe das Leben voll zu leben, losgelöst von besagten Zwängen, sehe ich die Formulierung als gewollte Provokation. Es ruft aktiv dazu auf, die eigenen Glaubenssätze, Meinungen, Gewohnheiten und Ansichten zu überprüfen, zu sehen wo sie herkommen, zu schauen, ob sie mir, dir und der Welt überhaupt noch dienlich sind.
Nur der Tod ist geblieben. Also bei allem, was du glaubst tun zu müssen, sagt der Tod dir hier bildlich: "Kind, irgendwann ist deine Zeit um. Es ist DEIN Leben! Lohnt sich das alles?"

Interlude

Denn das Elfte Gebot gebietet zu leben
Als wartet morgen der Tod, morgen schon der Tod
Ja, das Elfte Gebot gebietet zu lieben
Und zu verglüh'n in Flammen lichterloh
Ja so steht's im Elften Gebot

Der zweite Refrain setzt dann sogar noch etwas obendrauf. Was bedeutet es zu leben? Es bedeutet die Dinge, die man tut, die Menschen, denen man begegnet, die Welt, in der man lebt zu lieben. Und zwar nicht nur so, sondern bis zum "verglüh'n in Flammen lichterloh".
Ein guter Freund sagte mir einst: "Finde was, was du liebst und lass es dich umbringen!" Ein weiser Spruch, der hierzu passt. Das bedeutet: Finde Dinge und Personen, die du liebst und verbringe damit den Rest deines Lebens. Liebe, was du tust! Liebe, wer und was dir begegnet!

Bridge

Es ist nicht tot, was ewig liegt
Bis dass die Zeit den Tod besiegt

Diese beiden Zeilen fand ich schwer zu interpretieren, deshalb hab' ich das mal gegoogelt. Scheint ein Zitat von Lovecraft zu sein.
Ich sehe hier groß die Warnung, dass jedermanns Zeit irgendwann abgelaufen ist. Ein weiterer Hinweis auf Carpe Diem. Dinge, die wir vergraben haben ("was ewig liegt"), tendieren dazu immer wieder herauszukommen ("nicht tot") und uns die Stimmung zu vermiesen. Dinge, wie Wünsche, Träume oder auch aufgelöste Beziehungen.
Der Tod, der in diesem Lied eher wie ein Freund dargestellt wird, wünscht sich für uns, dass unser Leben voller Leidenschaft und Liebe ist. Es soll das Leben sein, was wir uns wirklich wünschen. Doch irgendwann ist es zu spät und des Todes Wunsch wird von der Zeit besiegt.

Abschluss

Vielleicht habe ich mir zu viele Gedanken zu diesem Song gemacht, aber eines ist sicher: Feuerschwanz zeigen hier auch wieder ihre lebensbejahende Einstellung, die sich immer wieder in ihrer Musik finden lässt ("Auf's Leben"). Ich für meinen Teil, bin gerührt und beeindruckt von ihrer Arbeit, die trotz ihrer manchmal infantilen Natur für mich zu etwas größerem geworden ist, als "nur wieder so kitschiger Power-Metal". Die Botschaft, die der Tod hier verbreitet möchte ich mir zu Herzen nehmen!

Die Musik von Feuerschwanz, gerade in diesen Zeiten, will immer wieder daran erinnern, dass das Leben schön ist. Es ist okay zu genießen. Egal welche Herausforderungen auf mich warten, egal in welchem Loch ich sitze - es erinnert mich immer wieder daran, die schönen Seiten zu suchen, mich auf diese zu fixieren und diese auszukosten so gut ich kann:

Denn das Elfte Gebot gebietet zu leben
Als wartet morgen der Tod, morgen schon der Tod
Schon morgen der Tod
Schon morgen der Tod
Ja, das Elfte Gebot gebietet zu lieben
Und zu verglüh'n in Flammen lichterloh
So steht's im Elften Gebot



Eine Stimme aus dem T-Net

Hab den oberen Text einer Freundin geschickt, die dazu auch noch ein paar schöne Gedanken hatte:

"Sich selbst, das eigene Handeln, die eignen Überzeugungen, Motivationen und Ziele zu reflektieren finde ich enorm wichtig – zumal wir uns permanent entwickeln und sich unsere Fragen, die Antworten darauf und sogar einige der Stellschrauben, an denen wir drehen können, ständig verändern.
An ein paar Stellen habe ich mir andere Fragen gestellt oder auch andere Schlüsse gezogen als du, fand es aber sehr bereichernd, mich mit deinen Überlegungen auseinanderzusetzen.

Die Metapher vom Leben als Kampf ist ein Klassiker, aber für mich persönlich passt sie nicht so gut, weil ich sie sehr negativ finde. Wenn nur die Pausen und die Zeit der Entspannung gut tun und alles andere Kampf ist, läuft in meinen Augen etwas falsch. Leben ist ja erstmal alles was wir tun und was uns passiert – die schönen, die schlimmen und auch die unspektakulären Dinge. Aus allem können wir Erfahrungen und Erkenntnisse ziehen. Wir können das Leben natürlich als Kampf interpretieren, aber stellen wir uns dadurch am Ende selbst an eine Front, die es gar nicht zwingend geben müsste?

Auch mit den lichterlohen Flammen, in denen man verbrennen soll, tue ich mich schwer. Denn das hat – ebenso wie der Kampf – etwas (selbst-)zerstörerisches. Liebe ist auch mein wichtigster Antreiber. Aber lieben kann auch bedeuten, jemanden gehen zu lassen, unangenehme Fragen zu stellen oder etwas nicht zu tun. Liebe ist nicht nur laut und lodernd. Manchmal ist sie auch leise und besonnen.
Du fragst: „Was bedeutet es zu leben?“ Und antwortest: „Es bedeutet die Dinge, die man tut, die Menschen, denen man begegnet, die Welt, in der man lebt zu lieben. Und zwar nicht nur so, sondern bis zum "verglüh'n in Flammen lichterloh".“ Mir würde da noch jemand fehlen, nämlich die eigene Person. Leben ist für mich auch, lernen sich selbst zu lieben und auf sich aufzupassen.

Blind Dogmen zu folgen oder sich auf der Suche nach Bestätigung kaputt zu Arbeiten finde ich wenig anstrebenswert, blinden Hedonismus aber auch. Manchmal habe ich den Eindruck, uns Menschen täte mehr Demut vor dem Leben, Aufrichtigkeit und Liebe (auch im Sinne von Empathie) sehr gut. Das Leben ist voller Widersprüche und das Gesamtpaket finde ich oft schwer zu begreifen. Aber es hält auch viel Schönes für uns bereit. Machen wir etwas draus!"